Nepal: Regierung gibt sich fünf Jahre für Wiederaufbau nach Erdbeben

Kathmandu (dpa) - Die 51-jährige Chinimaya Shrestha teilt sich ihre Wellblechhütte mit einem Huhn und ein paar Küken. Auf dem Boden liegen Holzteile und drei abgenutzte Bastkörbe, in der Mitte des Raumes steht ein Bett. Nur an einer Seite der Hütte ist die Decke hoch genug, dass sie aufrecht stehen kann. Shrestha hat das große Erdbeben in Nepal vor zwei Jahren überlebt. Am 25. April 2015 bebte die Erde in dem Himalaya-Staat so stark wie seit mehr als 80 Jahren nicht. Rund 9000 Menschen starben, etwa 22 000 Menschen wurden verletzt. Nach Regierungsangaben stürzten 600 000 Häuser eine, das Rote Kreuz spricht sogar von 800 000. Auch Shresthas Haus stürzte ein, begrub sie und ihren Mann unter den Trümmern. Andere Dorfbewohner gruben mit Schaufeln und bloßen Händen durch die Überreste und konnten sie retten. Für ihren Mann kam die Hilfe jedoch zu spät. «Ich kam danach bei Verwandten unter», erzählt sie. «Jetzt ist seit einem Jahr diese Hütte mein Zuhause.» Ihr Heimatdorf Syaule liegt im Distrikt Sindhupalchok im Nordosten des Landes. Er gehört zu den ärmsten Teilen Nepals. Ausgerechnet hier war das Erdbeben besonders stark. In seiner Hauptstadt Chautara finden sich reparierte Häuser neben Dutzenden Baustellen. Dazwischen immer wieder Bauruinen und Berge aus Kies, Ziegeln und anderem Baumaterial. Der Chefverwalter des Distrikts, Antar Bahadur Silwal, versucht, den Kampf der Bevölkerung in Zahlen auszudrücken. «78 000 Haushalte haben bei uns Wiederaufbauhilfe beantragt», erzählt er. «Fast allen konnten wir eine erste Rate von umgerechnet knapp 500 US-Dollar auszahlen. Eigentlich stehen jedem Haushalt knapp 3000 Dollar Hilfe zu. Doch die Vorgaben der Wiederaufbaubehörde NRA sind so komplex, dass erst jeder zehnte Haushalt sich um die zweite Rate beworben hat.» Die NRA hat ihre eigentliche Arbeit erst vor knapp einem Jahr aufgenommen. Die Regierung in Nepals Hauptstadt Kathmandu besteht aus zahlreichen kleinen Parteien. Die über 40 Minister wechseln ständig, immer wieder gibt es Kompetenzstreitigkeiten. So auch um die Rolle der NRA. Kurz nachdem die Behörde endlich gegründet war, wurde auch ihr Chef bereits ausgetauscht. Inzwischen ist der ursprünglich eingesetzte Geschäftsführer, Professor Govind Raj Pokharel, zurück am Steuer der NRA - und spricht selbst davon, dass die Richtlinien seiner eigenen Behörde zu unflexibel seien. Im ganzen Land gelte es, mehr als 600 000 neue Häuser zu bezuschussen. Doch längst nicht alle Bauherren hätten das Geld oder das Wissen, ihre Häuser erdbebenfest wiederaufzubauen. Die NRA auf der anderen Seite darf nur erdbebenfeste Häuser bezuschussen und kommt zudem bei den Kontrollen nicht hinterher. Pokharel kritisiert, dass die NRA während seiner Abwesenheit entmachtet wurde. «Sie ist nun wie eines der vielen Ministerien», sagt er. Weil es nun dadurch immer wieder zu Kompetenzstreitigkeiten komme, könne er größere Schutzmaßnahmen kaum umsetzen. «Eigentlich müssten wir einige Ortschaften komplett umsiedeln. Sie sind nicht mehr sicher für Menschen. Aber die Regierung besitzt kein Land, wo sie die Menschen unterbringen könnte.» Manish Gautam, der als Koordinator für das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) im Distrikt Sindhupalchok arbeitet, sieht zwar Erfolge beim Wiederaufbau, schreibt diese jedoch nicht der Regierung zu. «Wir sehen deutlich mehr Bautätigkeit als noch vor einem Jahr», sagt er. «Doch der Aufbau wird aus den lokalen Gemeinschaften angetrieben, nicht von der Regierung.» Die meisten Bauherren würden sich Geld von Verwandten leihen oder oft überteuerte Kredite aufnehmen. «Viele haben im Erdbeben ihre gesamte Existenz verloren. Der Wiederaufbau gelingt nur, wenn die Menschen auch wirtschaftlich wieder auf eigenen Füßen stehen.» Im April ist es in vielen Teilen Nepals noch trocken und die Temperaturen sind angenehm warm. Doch schon bald erwartet viele Betroffene die dritte Regenzeit und später der dritte Winter, den sie in Notunterkünften oder Wellblechhütten verbringen müssen. «Die Regierung hat sich fünf Jahre Zeit für den Wiederaufbau gegeben», sagt NRA-Chef Pokharel. «Wir können das noch schaffen. Aber dafür müssen die Regierung, die Ministerien und alle anderen Beteiligten endlich enger zusammenarbeiten und den Wiederaufbau zur obersten Priorität machen.» (Bild: Helmut Wegmann/pixelio.de)



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