Indien: Gewalttätige Bauernproteste gegen Verfall der Gemüsepreise

Bijalpur (dpa) - Ein Video macht die Runde auf den Handys der Bauern im indischen Bijalpur. Es zeigt, wie Polizisten mit Schutzmontur geparkte Motorräder zu Boden treten und dabei lachen. «Unser Protest fing als gewaltfreie Bewegung an», erzählt Landwirt Jitendra Dethliya. «Erst als die Polizei Schlagstöcke und Tränengas einsetzte, wurden auch die Bauern gewalttätig.» Das Video wurde in Bijalpur aufgenommen, einem ländlichen Ort mit rund 20 000 Einwohnern nahe der Millionenstadt Indore im zentralindischen Bundesstaat Madhya Pradesh. Hier haben Anfang Juni Bauernproteste für höhere Gemüsepreise und einen Schuldenerlass begonnen. Sie haben sich seitdem auf mehrere weitere Bundesstaaten ausgeweitet und landesweit für Schlagzeilen gesorgt. Die Gewalt, von der Dethliya spricht, ist aber vor allem im etwa 200 Kilometer entfernten Bezirk Mandsaur passiert. Polizisten erschossen dort am 6. Juni fünf Demonstranten. Daraufhin kam es zu Ausschreitungen, bei denen Gebäude und Autos angezündet und Polizisten verletzt wurden. Die Behörden verhängten eine Ausgangssperre und kappten den Internetzugang in der Gegend. In Bijalpur ist die Lage - auch wegen des Einsatzes Hunderter Polizisten - nicht derartig eskaliert. Die Bauern dort haben sich aber vor kurzem einer Gewerkschaft angeschlossen und verkaufen aus Protest ihre Erzeugnisse nicht. Sie leiden vor allem unter niedrigen Marktpreisen für Gemüse wie Zwiebeln oder Kartoffeln. «Zwei Rupien (knapp 0,03 Euro) pro Kilo - das deckt gerade einmal die Lagerkosten» erklärt Dethliya. Schuld sei die indische Regierung, die trotz ertragreicher Ernten im eigenen Land Gemüse aus Nachbarländern importiere, um die Preise niedrig zu halten und der Inflation vorzubeugen. «Wir verlieren Geld. Unsere Vorräte verrotten.» Dabei geht es den streikenden Bauern in Bijalpur verhältnismäßig gut, ihnen gehören Land und Milchkühe. Auch sie hätten Schulden, erzählt der 28-jährige Vikas Patwari, der Ingenieurwesen studiert und vor kurzem das Land seines Vaters übernommen hat. «Aber wir werden damit schon fertig. Andere nicht.» Gemeint sind die Tausenden Bauern, die sich jedes Jahr in Indien umbringen - häufig, weil sie hoch verschuldet sind. Wenn der Regen in der Monsunzeit nicht für eine gute Ernte reicht, haben sie keine Chance, geliehenes Geld zurückzuzahlen. Manche Bundesstaaten haben nun einen Schuldenerlass versprochen. Selbst das würde vielen allerdings nicht aus der Patsche helfen, denn die Regierung käme nur für Bankdarlehen auf - und würde nicht das zurückzahlen, was die Bauern sich von einzelnen Kreditgebern geliehen haben. «Wer bei Kredithaien verschuldet ist, für den ist es vorbei», erklärt Bauerngewerkschafter Subodh Patwari. «Der kann nur Selbstmord begehen oder für immer verschuldet bleiben.» Sich das Leben zu nehmen, gilt deshalb als Weg aus der Schuldenfalle, weil es für die Familie eine staatliche Entschädigung gibt. Etwa 20 Gewerkschafter haben sich in Bijalpur auf der Veranda von einem ihrer Mitglieder versammelt, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Sie müssen laut reden, um sich über dem niederprasselnden Regen der beginnenden Monsunzeit Gehör zu verschaffen. Keiner ist mit dem Angebot der Regierung des Bundesstaates zufrieden, den Bauern ihre Zwiebeln für acht Rupien pro Kilo abzukaufen. Sie wollen 15 Rupien pro Kilo. Sie sind sich zudem einig, dass die Politiker auf ihre Probleme nicht eingehen, sondern nur den eigenen Vorteil suchen. Prominente Oppositionspolitiker haben in den vergangenen Tagen versucht, die Familien der Todesopfer in Mandsaur zu besuchen, wurden aber von den Sicherheitskräften zurückgewiesen. Rahul Gandhi, Vizechef der oppositionellen Kongress-Partei sowie Sohn und Enkel früherer Premierminister, fuhr mit dem Motorrad nach Mandsaur, wurde dann aber für einige Stunden festgenommen. Das sehen die Bauern in Bijalpur ebenso als politisches Theater wie die Aktion des Regierungschefs von Madhya Pradesh, Shivraj Singh Chouhan, auf dem großen Festplatz der Hauptstadt Bhopal «für den Frieden» zu fasten. Nach einem Tag hat Chouhan, der der Partei BJP von Premierminister Narendra Modi angehört, sein Fasten wieder abgebrochen. Die Familien der fünf erschossenen Demonstranten hätten ihm gesagt, es sei nicht nötig, erklärte er. Der erst 21-jährige Bauer Vivek Patel weist darauf hin, dass Schätzungen zufolge rund zwei Drittel der Inder von der Landwirtschaft leben - und dass viele von ihnen jung seien. Soziale Medien spielten bei ihnen eine große Rolle - auch bei der Organisation der Proteste. «Die Regierung hält die Bauern für Idioten», sagt Patel, der in den USA studiert hat. «Aber wir junge Bauern sind gebildet und hinterfragen die Politik der Regierung.» (Bild: Dieter Schütz/pixelio.de)



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