Burma: Proteste gegen Infrastruktur-Großprojekte

Von Christiane Oelrich, dpa

Das bitterarme Myanmar ist reich an Rohstoffen und Wasser. Die Reformregierung will nach Jahrzehnten Militärdiktatur jetzt Geschäfte machen. Dutzende Kraftwerke sind geplant. Die Menschen schreien auf.

Rangun (dpa) - Riesige Staudämme, mächtige Wasserkraftwerke, lukrative Einnahmen aus dem Stromverkauf - das ist die Zukunftsvision der myanmarischen Regierung. Das Militär, das bis 2011 jahrzehntelang an der Macht war, hat die einstige Kornkammer Asiens in den Ruin gewirtschaftet. Zwar lechzt das 60-Millionen-Volk zwischen Indien und China nach Anschluss an die moderne Welt. Doch die Myanmarer fürchten um ihre Heimat, ihre Felder, ihre Kultur: überall im Land gehen die Leute gegen die geplanten Wasserkraftwerke auf die Straße.

Dorfbewohner protestierten im März am Salween-Fluss an der Grenze zu Thailand gegen das geplante Hatgyi-Kraftwerk. „Lasst den Salween frei fließen!“ „Der Fluss ist unsere Lebensgrundlage!“ skandieren sie in Shwe Oo Wei am Ufer. Warum? „Der Strom wird ins Ausland verkauft, und das Einkommen geht an die Zentralregierung, die damit ihre Armee weiter mordernisiert“, sagt Hta Moo von der Umweltorganisation Kesan. Hatgyi liegt im Gebiet des Karen-Volkes, das der Zentralregierung nach jahrzehntelanger Unterdrückung misstraut.

Die Investoren des Kraftwerks kommen aus China und Thailand und wollen 90 Prozent des Stroms in ihre Heimat verkaufen. Hatgyi ist zwar mit 1360 Megawatt größer als das 2003 in Thüringen eingeweihte bisher größte deutsche Pumpspeicher-Kraftwerk Goldisthal mit 1060 Megawatt. Im Rahmen der gigantischen Pläne in Myanmar - mehr als 80 Wasserkraftwerke sind geplant - ist es aber ein „kleiner Fisch“.

Das 20-Milliarden-Dollar Megakraftwerk Myitsone am mächtigen Fluss Irrawaddy soll bis zu 6000 Megawatt produzieren, vor allem für China. Es würde mit einem Stausee so groß wie Manhattan zu den 20 größten Kraftwerken der Welt gehören. Nach massiven Protesten stoppte die Regierung den Bau 2011 - aber nur vorübergehend, wie Win Nyo Thu, Direktor der Umweltorganisation EcoDev in Rangun, warnt. Nach den Wahlen in diesem Jahr würden die Karten neu gemischt. Der chinesische Investor hat wissen lassen, dass er eine Milliarde investierter Dollar zurückverlangt, wenn das Projekt nicht weitergeht. 12 000 Menschen würden nach Angaben von Menschenrechtlern vertrieben.

Das Energieministerium hat 200 Standorte für Wasserkraftanlagen geortet. 100 000 Megawatt könnten locker produziert werden - bislang sind es nach Weltbank-Angaben keine 3000 Megawatt. Kaum ein Drittel der Bevölkerung hat Strom. „Die Weltbank arbeitet daran, in Myanmar das Licht anzumachen“, frohlockt die Entwicklungsbank. „Wir wollen dem Land helfen, einen umweltfreundlichen und sozialverträglichen grünen Energiemix zu entwickeln.“ Daran zweifeln die Leute.

„Das Problem mit allen Großprojekten ist: die Korruption ist groß und unsere Gesetze zum Schutz von Menschen und Umwelt sind schwach. Die Behörden sind nach Jahrzehnten Militärherrschaft nicht gewohnt, sich mit sozialen Fragen und Umweltfragen überhaupt auseinanderzusetzen“, sagt Win Nyo Thu, der seine Experten-Organisation mit 100 Mitarbeitern aus einem unscheinbaren Büro in einem Vorort von Rangun steuert.

Die Myanmarer hätten ein besonderes Verhältnis zu ihren Flüssen. „Sie sind für uns die Quelle des Lebens, dort fing unsere Zivilisation an“, sagt er. „Der Irrawaddy ist wie unsere Mutter, und man kann seine Mutter doch für kein Geld in der Welt verkaufen.“

Ungeachtet des emotionalen Widerstands gegen Eingriffe in die Natur hat der Umweltingenieur das Myitsone-Projekt unter den üblichen internationalen Standards unter die Lupe genommen: Hat es wirtschaftlich Sinn? Ist es sicher und umweltverträglich? Können die Anwohner damit leben? Sein Fazit: „Es hat überhaupt keinen Sinn.“

Der Stausee: Es gebe keine Langzeitstudien über den Regenfall, die Verdunstung, den möglichen Einfluss des Klimawandels. Die erwarteten Strommengen seien nicht garantiert.

Der Standort: Direkt unter dem Stausee verlaufe eine geologische Verwerfungslinie. Was passiert durch das Gewicht des Wassers? Der See und die Zufahrtsstraßen und Anlagen zerteilten wichtige Korridore für Flora und Fauna. Die Folgen seien nicht abgewogen worden.

Die Menschen: Was passiert mit den sechs Millionen Menschen, die am am Irrawaddy leben? Der Damm entsteht am Zusammenfluss zweier Ströme, einer mit kaltem, einer mit warmem Wasser. Was passiert mit den Fischen, wenn das einzigartige Wasserklima gestört ist. Wie werden die Felder bei reduziertem Wasserfluss bewässert? Reicht das Wasser für die Schifffahrt? Nichts davon sei gründlich untersucht.

EcoDev, Salween River Watch und andere Umweltorganisationen setzen auf kleine, lokale Wasserkraftprojekte. Sie sollen in erster Linie die Anwohner bedienen.

(Bild: k.h.S./pixelio.de)



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